17. Juni 2026
Schluss mit dem Kantönligeist im Brandschutz?
Die grösste Veränderung im Schweizer Brandschutz seit Jahren steht bevor: Mit der geplanten Revision der VKF-Brandschutzvorschriften sollen kantonale Unterschiede reduziert und starre Vorgaben durch stärker risikobasierte Ansätze ergänzt werden. Welche Auswirkungen dies auf Bauprojekte, Investitionen und die Verantwortung aller Beteiligten haben könnte, diskutierten Fachleute an einem Brandschutzanlass von Gruner.
Die neuen Vorschriften sollen voraussichtlich im Herbst 2027 in Kraft treten. Im Fokus stehen eine schweizweit einheitlichere Anwendung der Regeln, mehr Flexibilität durch risikobasierte Bewertungen sowie ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Verhältnismässigkeit.
Um Orientierung in diesem Wandel zu bieten, lud Gruner Fachleute aus Planung, Entwicklung und Behörden zu einem Fachvortrag mit anschliessender Podiumsdiskussion ein.
Einheitlichere Regeln für die ganze Schweiz
Ein zentrales Ziel der Revision ist die Harmonisierung der Brandschutzvorschriften. Heute führen unterschiedliche kantonale Auslegungen teilweise zu Unsicherheiten, zusätzlichem Aufwand und Verzögerungen – insbesondere bei Projekten über Kantonsgrenzen hinweg.
Künftig sollen die Vorschriften schweizweit einheitlicher angewendet werden. Der oft zitierte Satz «Es brennt in jedem Kanton anders» könnte damit an Bedeutung verlieren. Für Bauherrschaften, Investoren und Planende würde dies mehr Transparenz, effizientere Prozesse und höhere Planungssicherheit bedeuten. Stefan Gabriel, CEO der Fortimo AG, betonte die Vorteile aus Investorensicht: «Einheitliche Anforderungen über Kantonsgrenzen hinweg würden Projekte vereinfachen und die Vergleichbarkeit erhöhen.»
Risikobasierter Brandschutz gewinnt an Bedeutung
Neben der Harmonisierung steht der Übergang von starren Vorgaben hin zu einer stärker risikobasierten Betrachtung im Mittelpunkt. Künftig könnten projektspezifische Risiken differenzierter bewertet und Schutzmassnahmen gezielter auf den jeweiligen Kontext abgestimmt werden. Dabei gewinnt das ALARP-Prinzip («As Low As Reasonably Practicable») an Bedeutung. Risiken sollen so weit reduziert werden, wie dies mit vertretbarem Aufwand sinnvoll und praktikabel ist. Für Sebastian El Khouli, Partner bei BGP Architekten, liegt die eigentliche Tragweite der Revision deshalb weniger in einzelnen Vorschriften als vielmehr in einem veränderten Verständnis von Brandschutz: «Künftig wird stärker gefragt werden, welches Risiko tatsächlich besteht und wie dieses angemessen reduziert werden kann.»
Die Teilnehmenden waren sich einig, dass dieser Ansatz die Chance bietet, Sicherheitsanforderungen künftig zielgerichteter umzusetzen. Dadurch könnten in bestimmten Fällen flexiblere und wirtschaftlichere Lösungen möglich werden, ohne das Sicherheitsniveau zu senken. Das kann sich sowohl auf die Planung als auch auf die Umsetzung und die Kosten von Bauprojekten auswirken. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die neuen Freiräume auch Fragen aufwerfen. Insbesondere Vertreter öffentlicher Bauherrschaften thematisierten die zunehmende Verantwortung bei risikobasierten Entscheidungen. Wo heute oft klare Vorgaben Orientierung bieten, werden künftig nachvollziehbare Risikoabwägungen und eine transparente Dokumentation noch wichtiger.
Mehr Flexibilität – bei gleichbleibender Sicherheit
Trotz grösserer Flexibilität bleiben grundlegende Sicherheitsanforderungen bestehen. Fluchtwege, Personenbelegungen und weitere zentrale Schutzmassnahmen können auch künftig nicht beliebig durch andere Lösungen ersetzt werden. Darauf wies auch Ivan Beterra, Fachverantwortlicher Bau- und Feuerpolizei bei Gossweiler, hin: «Mehr Flexibilität bedeutet nicht weniger Sicherheit. Bestimmte Anforderungen, etwa bei Fluchtwegen oder der Personenbelegung, bleiben unverzichtbar. Die Herausforderung besteht darin, Risiken nachvollziehbar zu bewerten und gleichzeitig ein hohes Sicherheitsniveau sicherzustellen.»
Mehr Verantwortung erfordert mehr Fachkompetenz
Mit dem risikobasierten Ansatz steigen auch die Anforderungen an alle Beteiligten. Planende, Brandschutzexpertinnen und -experten, Bauherrschaften sowie Betreiber werden künftig noch stärker gefordert sein, Risiken fachlich zu beurteilen und Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen. Für Bojan Stevanovic, Leiter Brandschutz Zürich bei Gruner, zählt dies zu den wichtigsten Veränderungen: «Mehr Flexibilität im Brandschutz funktioniert nur mit fundierter Expertise. Wenn Risiken künftig stärker projektspezifisch bewertet werden, braucht es Fachleute, die Verantwortung übernehmen und belastbare Lösungen entwickeln können.»
Ein möglicher Kulturwandel im Brandschutz
Die geplante Revision ist weit mehr als eine technische Anpassung bestehender Regelwerke. Sie hat das Potenzial, einen Kulturwandel anzustossen: weg vom reinen Abarbeiten von Vorschriften hin zu einer stärker risikobasierten Planungspraxis.
Ob die Revision tatsächlich zu einer schweizweit einheitlicheren Praxis führt, wird sich erst in der Umsetzung zeigen. Klar wurde am Fachanlass jedoch: Die Diskussion über den Brandschutz der Zukunft hat begonnen. Die zentrale Herausforderung bleibt, ein hohes Sicherheitsniveau mit mehr Flexibilität und Eigenverantwortung in Einklang zu bringen.
Bereit für den Brandschutz von morgen?
Die Podiumsgäste Ivan Beterra (Gossweiler), Sebastian El Khouli (BGP Architekten), Stefan Gabriel (Fortimo AG) sowie Moderator und Gastgeber Bojan Stefanic (Gruner) nach der Veranstaltung in Zürich.
© Gruner
Im Rahmen der Podiumsdiskussion diskutierten Bojan Stefanic, Stefan Gabriel, Sebastian El Khouli und Ivan Beterra über die Auswirkungen der neuen Brandschutzvorschriften auf Planung, Bewilligung und Umsetzung von Bauprojekten.
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Beim anschliessenden Apéro nutzten die Teilnehmenden die Gelegenheit zum persönlichen Austausch und zur Vernetzung rund um aktuelle Themen im Brandschutz und Hochbau.
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